Was ich auf Reisen fürs Leben lernte: Reisen heilt Wunden

Das größte Verlangen, ein tiefer Schmerz, eingeschnappt sein, gebunden sein, die schlimmsten Entscheidungen und pure Trauer, das alles scheint so weit entfernt, wenn du auf Reisen bist. Lass dein Handy im Koffer liegen, setz dir die Kopfhörer mit deiner Lieblingsmusik auf, schließe die Augen und atme einmal ganz tief ein und wieder aus. Wenn du die Augen wieder aufmachst, siehst du nur das Meer vor dir, die Weiten des Ozeans, die hohen Klippen, auf denen die Papageientaucher gerade Anlauf nehmen, um fortzufliegen. Da bist nur du und das Meer. Nur du und das Land, in das du gerade gereist bist. Es hat dich aufgenommen, ganz genau so wie du bist, ohne Vorurteile und ohne lästige Fragen. Es weiß immer ganz genau, wann es laut sein darf und wann es still sein muss. Dieses Land ist wie ein guter Freund, den du nicht oft siehst, aber bei dem du dich aufgehoben fühlst, bei dem du nicht von neuem anfangen musst zu erzählen.



Spätestens als ich vor einigen Jahren einen spontanen Kurztrip ans Meer mit meiner Freundin Janina machte, habe ich gemerkt wie sehr Reisen die Heilung meiner seelischen Wunden fördert. Ich war gerade 18 und verlassen worden - für eine andere - hatte mich im Anschluss nicht gerade mit Ruhm bekleckert und wusste überhaupt und rein gar nichts mit mir anzufangen. "Was hältst du davon, wenn wir übers Wochenende einfach ans Meer fahren?" Eine gute Idee. Wir bauten kurzerhand die Rückbank vom Auto aus, schnappten uns das Nötigste und das aller Wichtigste: CDs für den Roadtrip. Das Auto stellten wir direkt an der Promenade ab, tingelten den ganzen Tag durch die Stadt, sonnten uns am Strand und gingen ins nahegelegene Schwimmbad zum Duschen. Wenn ich morgens aufwachte, war da nur meine Freundin, deren Atem im Schlaf noch gleichmäßig ging, und das Meer. Ich schob die Tür auf, setze mich mit meiner Zahnbürste an den Rand und lies die Füße aus dem Auto baumeln, während ich mir mit Wasser den Mund ausspülte. Schon damals verspürte ich die große Ruhe, die von den Weiten des Wassers ausgingen. Als umschwärmte sie mich, sandte ihre Wellen nach mir aus, um mich zu trösten.

Ein paar Jahre später stehe ich weinend an einem kleinen Strand in Irland. Die tosenden Wellen vor mir, eine steile Felswand hinter mir. Manchmal, wenn die Flut im Gange ist und der Wind das Wasser peitscht, kann man hier nicht entlang gehen. Man würde ertrinken oder zumindest von den Wellen aufs offene Meer hinaus getragen werden, einfach an den Klippen zerschellen. Ich versuche nicht daran zu denken und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Um etwa diese Uhrzeit tänzelte ich schon vor 3 Jahren mit einem Iren über den Sand. Wir scherzten, er tat so, als wolle er mich ins Meer schmeißen, wir lachten, wir küssten uns. Ich muss ein kleines bisschen lächeln, beinahe kommen mir diese Szenen vor, wie eine Geschichte, die ich irgendwo gelesen habe und nicht wie Erinnerungen. Doch das ist okay. Mein Herz schmerzt schon lange nicht mehr deswegen, es hat sich andere Probleme gesucht. Ich blicke wieder zum Meer und das dumme, dumme Ding droht zu zerbrechen, so schön ist der Anblick. Hier ist irgendwie alles gut. Es ist alles in Ordnung. Es darf wehtun, denke ich. Und noch während ich umdrehe und wieder ins Auto schlendere, merke ich, dass das Land es wieder geschafft hat. Es hat alles ein bisschen besser gemacht, es hat angefangen aufzuhören.

Denn Reisen heilt Wunden. Es flickt die kleinen und ist Salbe für die großen.

Wie ich auf all das komme? Meine liebe Freundin Maria hat zur Blogparade aufgerufen. Ihr solltet dort unbedingt einmal vorbeischauen, wenn ihr das bis dato noch nicht getan habt!

Kommentare :

  1. Sehr schöner Eintrag - wo kann man seinen Kopf sonst so herrlich leer machen von dem Problemen im Alltag als im Urlaub?

    Allerdings habe ich das Gefühl, die Männer kommen tendenziell etwas schlecht weg in dem Post, davon distanziere ich mich.

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    1. Quatsch! Nur weil Liebeskummer, Liebeskummer ist, ist das kein Text gegen die Männer!

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  2. Ein wirklich schöner Text und hat mich als einer der ersten seit langer Zeit auch wirklich berührt. Bei mir löst Reisen was ganz Ähnliches aus und dementsprechend macht es mich auch ganz besonders traurig, dass ich in diesem Sommer nicht verreisen werde, obwohl einige Wunden noch offen stehen.

    Viele Grüße und ein Dankeschön für deine Worte!

    mtrjschk.blogspot.com

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  3. Ich habs voll vermisst deine worte zu lesen <3! Wieder mal ein sehr schöner Text meine Liebe. Ich empfinde das ähnlich, denn meine aller erste große Reise hat auch meine größte Wunde geheilt :)

    Liebste Grüße und happy monday <3
    deine Jasmin

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  4. Sehr schön, meine Liebe! Reisen ist wirklich Salbe für die Wunden - und das Meer, es gibt nichts, was ein bisschen mehr nicht besser machen kann <3
    Liebst, Kathi

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  5. Wunderschön und packend geschrieben! Ich stimme dir total zu, wenn irgendwie alles doof ist, der Kopf zu und das Herz leidet, dann nichts wie weg. Ein paar Tage raus aus dem Trott und eine Platz finden, an dem man zur Ruhe kommen kann. Vielleicht fällt man erst noch in ein Loch aber dann kehrt die Kraft und das Selbstvertrauen wieder zurück. Alles wird gut :-*

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  6. Am Meer wird immer alles wieder gut! Und vor allem in Verbindung mit einem Roadtrip und einer guten Freundin!

    Grüße <3
    Julia

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Ich freue mich über ganz viel Liebe, auch über ernst gemeinte Kritik und alles dazwischen <3
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