Einmal Schmerz süßsauer zum mitnehmen, bitte.

Ich glaube ja, dass der Mensch einen starken Selbstzerstörungsdrang hat, sagst du überzeugt zu dir selbst. Das ist dir gerade so aufgefallen, als du bemerkt hast, dass du glücklich bist und trotzdem irgendwas fehlt. Das Abenteuer ruft dich nicht, du verzehrst dich nicht nach ihm, du bist glücklich so, wie es jetzt gerade ist und das soll sich auch um Himmels Willen nicht verändern. Du bist unterwegs auf Konzerten, Lesungen und im Theater und hast trotzdem genug Zeit für dich und für das hier. Du liest Bücher, schreibst Artikel und Briefe, nimmst ein Bad und machst Sport. Du bist voll und ganz ausgeglichen, denkst du. Und trotzdem fehlt da eben was.

Du denkst an den Schmerz, den vergangenen und sehnst dich danach. Nach dem Sauren, das dir jedes Mal im Hals gebrannt hat wie Feuer, wenn du versucht hast den Klos runterzuschlucken, das dir eingeredet hat, es würde niemals besser werden, niemals vergehen, immer sauer bleiben. Und du sehnst dich nach dem Süßen, das du im Nachgeschmack bemerkt hast und dir immer versichert hat, es würde irgendwann besser werden, irgendwann vergehen, irgendwann wieder nur süß sein. Schmerz ist süßsauer. Und die süßsaure Soße vom Vietnamesen unten im Dorf hat dir schon immer gut geschmeckt.

Der Mensch muss einen riesigen Selbstzerstörungsdrang haben, denkst du. Wenn es dir doch gut geht, dann brauchst du doch keinen süßsauren Schmerz, der dich nicht atmen lässt und doch manchmal befreit. Du brauchst doch verdammt noch mal keine sauren Tränen, die dir die Wangen hinunterlaufen und auf deinem Schal ein bisschen verweilen, bevor sie abperlen oder einsickern. Und du brauchst auch verdammt noch mal keine süße Stimme in deinem Kopf, die dir sagt, dass bald alles wieder gut ist, weil eben alles verdammt noch mal gut ist.


Doch der Selbstzerstörungsdrang flüstert dir Erinnerungen ins Ohr, setzt Träume in deine Nacht und versteckt sie unterm Kissen für die nächste. Er lässt dich denken, dass du gar nicht glücklich sein kannst, dass das alles nur Schein ist. Doch wenn du einfach nichts hast, dass dich unglücklich machst, so sehr du auch suchst, dann musst du dich eben dem Leid anderer annehmen, findest du. Du willst, die süße Stimme sein, die die sauren Tränen wegwischt. Willst der angenehme Nachgeschmack sein, wenn die Schärfe alles verbrannt hat. Wenn du schon selbst nicht beides sein kannst, süß und sauer, dann musst du eben Milch sein, die alles neutralisiert.

Das macht alles gar kein Sinn, das weißt du. Doch der Mensch scheint eben einen unendlich großen Selbstzerstörungsdrang zu haben, dessen bist du dir jetzt sehr sicher.

Kommentare :

  1. Ich freue mich immer riesig über deine Texte, muss ich dir jetzt mal sagen: Die sind immer so gut geschrieben und beim Lesen habe ich gleich immer ein paar passende Bilder dazu im Kopf! Hier auch wieder. Manchmal kommt man eben an einen Punkt, an dem man merkt, dass irgendwas zum Glück fehlt. Obwohl man eigentlich alles hat und alles gut ist. Da rauszufinden, was denn genau fehlt, ist ganz schön schwierig. Schön, dass es solche Texte jetzt wieder öfter von dir zu lesen gibt =)
    Liebste Grüße und ein schönes Wochenende
    Tina

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    1. Danke. Das tut wirklich gut zu lesen :) <3

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  2. Ai ich mag deine Texte und wünsch mir dabei immer, auch so schön schreiben zu können. Und das was du beschreibst ist auch so typisch "deutsch" oder westlich. also jammern auf hochen niveau. man hat irgendwie alles, aber nicht genug und ist trotzdem unglücklich. kenn das manchmal auch. aber dann denk ich immer an meine reisen und das bringt mich dann wieder auf den boden der tatsachen. trotzdem, irgendwas ist immer.

    Liebe Grüße <3
    Jasmin von nimsajx.blogspot.de

    P.S. Bald gibts von mir auch Geschichten bzw kleine Stories meiner Reisen. Will mich auch mal am schreiben versuchen und nicht immer so nüchtern Reiseberichte hinkritzeln :D

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    1. Ich werd' ja ganz rot :) Da bin ich ja mal gespannt!

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  3. da hast du mal eben ein gefühl haargenau so beschrieben, wie ich es auch nur zu gut kenne. für mich selbst ist dankbarkeit immer die beste 'milch' ♥ fühl dich gedrückt

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  4. Das ist wunderschön geschrieben. Und deine Wort enthalten so viel Wahrheit. Traurige Wahrheit. Aber es ist wirklich so, ich habe manchmal das Gefühl unbewusst nach etwas schlechtem zu suchen, sobald es mir gut geht und alles schön ist. Weil man dem ganzen nicht trauen will. Aber eigentlich ist das dumm. Wir sollten viel mehr den Moment genießen, nicht so viel nachdenken. Einfach nur Leben.

    Liebste Grüße ♥
    Mai von Sparkle & Sand

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Ich freue mich über ganz viel Liebe, auch über ernst gemeinte Kritik und alles dazwischen <3
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