Freundin

"Und jetzt weiß ich einfach nicht, was ich noch machen soll.", nuschelt sie. Hin und hergerissen erzählt sie seit einer halben Stunde von ihm. Er weiß nicht, dass er der auserkorene ist, aber er müsse es doch merken, meint sie. Noch mehr preisgeben will sie nicht, warten aber auch nicht. Es ist still geworden. Das letzte Lied der Playlist ist gerade verklungen und ein leichter Windzug lässt uns beide die Arme verschränken. Der Sommer ist auf dem Rückzug, denke ich und blicke vorsichtig zu meiner Freundin hinüber. Euphorisch, voller Wut und Motivation tippt sie sie Wörter in ihr Handy. Sicherlich die gleichen, die auch ich gerade zu hören bekommen habe. Wenn wir Frauen Liebeskummer haben, dann müssen wir das teilen. Immer. Aber irgendwie nie mit ihm. Nur mit den Freundinnen, die gut zureden wollen, Erfahrungen analysieren, sich an Momente erinnern, die so oder so ähnlich waren, die aufmuntern und mitlästern, sich aufregen wenn es gerade von Nöten ist und dir die Schulter anbieten, wenn du nicht weiter weißt.

Ich grabe meine Füße im Sand ein, während sie mir von dem Date der vergangenen Nacht erzählt. "Naja und dann hat er sich ganz nett verabschiedet und ist gegangen. Ich weiß auch nicht, irgendwie ist er ja so gar nicht mein Typ, das merkt man ja schnell." Ich nicke und bin insgeheim froh, dass ich das gerade nicht sagen muss. "Und morgen treffe ich mich dann mit Jakob in dieser einen Kneipe, von der ich dir erzählt habe, weißt du noch?", fragt sie und schaut neugierig zu mir herüber. "Mhm weiß ich noch, das wird bestimmt super!" Als hätte ich nichts gesagt, plappert sie gleich wieder drauf los. Welchen Cocktail sie unbedingt ausprobieren will und ob er wohl ein Gentleman ist, ihr die Tür aufhält, ihr den Stuhl ran zieht? Langsam hebe ich meine Füße wieder aus der gerade gegrabenen Grube hervor, die Sandkörner rieseln an ihnen herunter und legen sich wieder zu ihren Brüdern, liegen da als wären sie nie weg gewesen.

"Nein, nein so darfst du gar nicht denken!", ruft sie ins Telefon, sodass ich es ein wenig vom Ohr weghalten muss, damit es mir nicht abfällt, "Natürlich liebe ich ihn aber, hach... gerade ist es einfach anstrengend, verstehst du?" Die beiden sind noch nicht lange zusammen und trotzdem ist es ein ständiges Hin und Her. Die Honeymoonphase hatte gerade mal einen Monat angehalten. Einen Monat, in dem ich nichts außer Absagen von ihr gehört habe. Und dann, dann kann sie gar nicht genug von mir bekommen. Trifft sich lieber mit mir, um sich auszukotzen, weil er sie nie überrascht. Trifft sich lieber mit mir, obwohl er sie heute ins Kino eingeladen hat. "Mhm", murmle ich, "versteh ich!" Was soll ich sonst sagen?

Manchmal ist man auch Freundin obwohl man schon alles gesagt hat, sich nicht wiederholen möchte, weil es nichts zu sagen gibt und weil man manchmal nichts sagen will. Man will immer den perfekten, ultimativen Rat haben, will alles besser machen, den Schmerz und die Aufregung nehmen, aber man kann es einfach nicht immer. Manchmal ist man auch Freundin wenn man einfach zuhört, da ist. Wenn sie weiß, dass du da bist, sie anrufen, vorbeikommen, schreiben kann, wann immer sie es braucht.

Kommentare :

  1. Vielen lieben Dank für deine lieben Worte!

    AntwortenLöschen
  2. Über Männerprobleme kann man halt einfach am besten mit der Freundin quatschen.
    Ich glaub da reicht es manchmal wirklich, wenn man einfach nur zuhört. Wertvolle Tipps können natürlich nicht schaden.

    Liebste Grüße .

    AntwortenLöschen
  3. Was für wunderbare Worte, vor allem, weil ich mich mit deinem Post so gut identifizieren kann.
    Manchmal ist es eben gar nicht so leicht, eine Freundin zu sein. Ich kenne beide Seiten ziemlich gut.
    Zuhören und vollquatschen.

    VANITY ✖ LUXE

    AntwortenLöschen
  4. Hach ja - meine liebste Maribel ♥ Wie immer fühl ich mich in deine Texte total hineinversetzt! Früher war ich leider auch eine von denen die sich bei allen anderen ausgekotzt haben - nur nicht beim eigenen Herr. Ich muss meinen Freunden damals ganz schön auf den Wecker gegangen sein! Irgendwann hat's dann bei mir *klick* gemacht und ich hab meine Probleme mit mir und der Person geklärt. Aber ich kann aus Erfahrung sagen das es mir damals schon wahnsinnig gut getan hat wenn die Freundinnen für mich da waren, egal ob sie sich auch zum x-ten mal wiederholen mussten :P

    Ich drück dich ganz doll meine Liebe, hab noch eine schöne Restwoche :*
    Deine Duni ♥

    P.S. Es - tut - mir - so - wahnnsiiiinig - Leid! Ich hab grad eben auf meine ToDo Liste geschaut und hab den Punkt schon aus Versehen abgehakt wo dick und fett drauf steht:"Maribel ihr Chibi schicken!" Ich bin so ne Niete :( Tut mir ehrlich Leid dass ich das verballert habe... ich schick es aber sofort zu dir los, dann hast du es bald bei dir :*

    AntwortenLöschen
  5. Manchmal gibt es Freunde die dich brauchen. Und manchmal gibt es auch immer nur Freunde die deine Energie brauchen oder viel mehr saugen.
    Ich mag es nicht wenn mir jemand nicht richtig zuhört.
    Ich mag es nicht wenn die Konversation stur ist und man nicht um Rat gefragt wird sondern einfach nur ausgenutzt wird um sich ein Ohr abkauen zu lassen.
    Hey! Wir sind Freundinnen - mein Rat sollte dir wirklich wichtig sein, man!
    Ganz abgesehen davon dass ich verliebte Menschen eh scheiße find (ausgenommen ich hatte einen guten Tag - :)) und kein großer Freund von "Fast- Love" (Verlieben - entlieben) bin - diene Texte mag ich übrigens sehr.
    Noch mehr aber deine Kommentare die ja mehr oder minder einem eigenen Artikel gleich kommen :)
    Kann ich dich als Gastautorin anhauen?

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über ganz viel Liebe, auch über ernst gemeinte Kritik und alles dazwischen <3
Du hast ein Gewinnspiel und willst mich lediglich darauf aufmerksam machen? Oder möchtest mich herzlich zu deiner Blogvorstellung einladen? - Nein, Danke! Wunderbar, dass du meinen Blog vorstellen willst, weil er ja so toll ist. Dann mach es doch einfach so und sag mir bescheid.