937

Die Sonntage unter der Decke, wenn es draußen regnet, wenn die dicken hamburger Regentropfen gegen das Fenster prasseln. Die Spaziergänge um die Alster, an der Elbe entlang, durch die vollgestopfte Schanze, einfach im Park nebenan. Der Blick auf die gegenüberliegenden Balkone, unser Nachbar, der sich ganz sicher allein von Zigaretten und Bier ernährt, die ältere Frau, die immer vor der Tür wartet, um den neuesten Nachbarschaftstratsch loszuwerden und die jungen wilden, die vorne an der Ecke in Jogginghose auf der Fensterbank sitzen und rauchen, Nudeln kochen, laut Musik hören und immer skeptisch schauen, wenn man gegen 18:30 mit vollbepackten Edekatüten an ihnen vorbei schlendert. Die immerimmerimmer zu spät kommende M22 und die überpünktliche U2. Das Sucuk-Brötchen vom Kiosk an der Kellinghusenstraße auf dem nach Hause Weg nachts um halb 4. Das Lächeln des Kioskverkäufers, der schon weiß, dass das nächsten Sommer wieder so sein wird. Der Pärchenauflauf im Holthusenbad, der British Pub, der gar nicht so british ist, aber trotzdem verdammt gutes Bier anbietet. An viel zu langen Schlangen vorm Molotow einfach vorbeigehen können und trotz verständnisloser Blicke ins Thomas Read gehen und den Fotoautomaten besetzen. Oder einfach nur ziemlich viel Snake Bite trinken und furchtbar laut "Don't look back in anger" mitsingen. Die Redaktionstreffen in der Superbude. Die Redaktionstreffen in der Superbude vermissen. Vielviel Limonade trinken und nur noch schwarz tragen. Die schon wieder viel zu späte M22, voll gepackt mit HSV Fans auf dem Weg zum Volksparkstadion. Wir auf einmal mittendrin. Nächte auf dem Balkon und ganz normale Alltagsorgen. Der Typ von Edeka und viel zu selten zum Nespresso Shop kommen. Einfach noch immer kein Fahrrad in dieser Stadt besitzen, Sonnenuntergänge auf der Schwanenwikwiese und Einweg-Grillen im Stadtpark. Viel zu selten im Stadtpark sein, obwohl man gleich nebenan wohnt. Sich immer noch nicht angewöhnt haben, immer einen Regenschirm dabei zu haben. Immer noch auf Anker stehen.

Und Bier am Hafen. Prost mein Hamburg, auf uns!

Auf 937 Tage - oder auf 2 Jahre 6 Monate und 22 Tage.

Auf noch viele mehr.

Beruhige dich!

"Langsam, ganz langsam, Mädchen, jetzt bloß nicht die Fassung verlieren. Mach erst mal die Augen auf und atme ganz tief durch, ein und aus, ein und aus. Bloß nicht reinsteigern jetzt, hast du gehört? Ein und aus." Es ist mitten in der Nacht und ich spreche mal wieder mit mir selbst. Dieser Traum war schon der zweite seiner Art innerhalb der letzten Woche. Du, ich und irgendjemand - nein - irgendeine. Ich liege da, du mit dem Kopf auf meiner Schulter und deiner Hand in ihrer. Vollkommener Unsinn. Vollkommener Unsinn. Sie gibt es nicht. Uns auch nicht, nicht so richtig jedenfalls, nur hin und wieder in meinem Kopf, in den Träumen und Abschweifungen und wenn ich mal wieder die falsche Musik höre.

Ich war noch nie eine große Traumdeuterin, habe da nie reininterpretiert. Der Kopf verarbeitet halt einfach viel mehr, als man selbst mitbekommt. Vom Rennen und nicht von der Stelle kommen, erzählen mir meine Freundinnen, vom Zähne verlieren, vom Fliegen können und vom Fallen. Das wären wiederkehrende Träume, die alle mit dem Alltag zu tun hätten, mit Problemlösung und Verlustängsten, Schlüsselmomenten und mit Scheitern. Ganz bestimmt habe ich das alles auch schon mal geträumt, aber in Erinnerung bleibt es mir nicht. Ich erinnere mich nur immer an die großen Träume, die aus denen ich weinend in der Nacht hochschrecke und die, für die ich noch mal 5 Minuten die Augen zumache, um weiterträumen zu können - die Extreme - die Träume, die so fernab von der Realität sind und die jenigen, die sich fast wie dieselbe anfühlen, fast schon ein Blick in die Zukunft sind.

"Mach deine Augen wieder zu, du dummes Ding, und schlaf einfach weiter. Beruhige dich."

Uns gibt es nicht. Jedenfalls nicht so richtig.